Hatten Sie gedacht, ich komme mit Pferdeschwanz? – Angela Merkel

Angela Merkel über ihren neuen Lebensabschnitt, mögliche Fehler ihrer Russlandpolitik, ihre Rolle in der Flüchtlingskrise und die Frage, ob mit deutschen Kanzlern ungnädig umgegangen wird

In Angela Merkels neuem Büro saß früher ihr Vorvorgänger Helmut Kohl in seiner Zeit als Altkanzler. Es liegt im fünften Stock eines schmucklosen DDR-Baus, in dem Margot Honecker als Ministerin für Volksbildung residierte, Unter den Linden, zwischen dem Hotel Adlon und der russischen Botschaft. Für das Gespräch hat sie auf derselben Etage den Sitzungssaal ausgesucht, von dem aus man einen schönen Blick auf den Pariser Platz und das Brandenburger Tor hat. Die ganze Zeit dabei ist ihre politische Beraterin Beate Baumann. Bevor es losgeht, werden Fotos gemacht, schnell, denn Merkel mag es nicht, fotografiert zu werden. Warum das so ist, auch das wird im Gespräch eine Rolle spielen. Dann sind die Kameras weg, Merkel entspannt sich. Ein Jahr ist sie nun nicht mehr im Amt. Früher konnte die einfache Frage “Wie geht es Ihnen?” ihren Argwohn wecken. Heute finde sie so eine Frage angebracht, stellt Merkel fest und macht dazu eine ironische Merkelschnute. “Und ich würde auch gerne antworten, dass es mir persönlich gut geht.” Die politische Gesamtlage allerdings empfinde sie als bedrückend. Angela Merkel hat wie alle ehemaligen Kanzler protokollarisch das Recht auf die Anrede “Frau Bundeskanzlerin”. Kohl ließ sich gerne auch nach seinem Ausscheiden aus dem Amt Herr Bundeskanzler nennen, zu Kanzlerzeiten forderte er auch seinen “Dr.” ein. Sie bevorzugt: Frau Merkel.

DIE ZEIT: Frau Merkel, Sie sind nicht mehr Kanzlerin, aber Sie sehen immer noch ziemlich genauso aus wie früher.

Angela Merkel: Hatten Sie gedacht, ich komme mit Pferdeschwanz? Meine Kleidung ist für mich praktisch, mit der Frisur habe ich mich angefreundet. Natürlich begegne ich Ihnen als Kanzlerin a. D. Aber Sie können daraus den Umkehrschluss ziehen, dass ich keine künstliche Rolle gespielt habe als Bundeskanzlerin. Das war schon ich. Und das bin ich auch heute, in einer etwas zweckmäßigeren Ausfertigung, sagen wir mal so. Ich muss weniger auf Schminke achten. Ich kann Sie aber beruhigen: In meinem Wohnzimmer sitze ich nicht im Jackett. Da nehme ich schon mal eine Strickjacke.

ZEIT: 2019 haben Sie vor dem Kanzleramt ausgerechnet den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj empfangen und begannen auf einmal sehr stark und für alle sichtbar zu zittern. Kam da die private Frau Merkel der Bundeskanzlerin Merkel in die Quere?

Merkel: Das war jedenfalls ein bedrückender Moment. In gewisser Weise war ich für einen Moment ohnmächtig, und das in einer sehr offiziellen Situation, bei der Abnahme der militärischen Ehren. In mir hatte sich offensichtlich sehr viel Spannung angestaut. Das hatte mit dem Tod meiner Mutter zu tun. Ich hatte zu wenig Zeit, sie in ihren letzten Wochen zu begleiten. Außerdem war es heiß, wie immer waren auch Kameraobjektive auf mich gerichtet wie Gewehrläufe und gaben mir plötzlich dieses Gefühl: Du bist vollkommen transparent.

ZEIT: Die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt hat ähnliche Erfahrungen gemacht und ein Buch darüber geschrieben, Die zitternde Frau. Sie stellt sich darin die Frage: Fürchte ich mich vor etwas, das mir vollständig verborgen ist? Haben Sie sich so eine Frage auch gestellt?

Merkel: Ich habe mir die Frage gestellt: Was ist das? Es war klar, da war etwas, was ich nicht artikulieren kann. Das war schon eher gegen Ende meiner Amtszeit und auch nach der Entscheidung, nicht mehr anzutreten. Und es war im Grunde noch mal ein Hinweis darauf, dass diese Entscheidung auch richtig war.

ZEIT: Glauben Sie, dass wir in Deutschland jemals so weit kommen werden, dass ein Spitzenpolitiker oder eine Spitzenpolitikerin in so einer Situation auch sagen kann: Ich habe mir psychotherapeutische Hilfe gesucht?

Merkel: Ich musste das nicht, aber fände es auch nicht schlimm, wenn das ein Politiker sagt. Natürlich war ich beim Arzt, um sicherzugehen, dass neurologisch alles in Ordnung war, ich war und bin ja selbst an meiner Gesundheit interessiert.

ZEIT: Würden Sie sagen, dass Sie von der Natur oder dem lieben Gott mit einer gewissen Furchtlosigkeit gesegnet worden sind?

Merkel: Gottvertrauen, würde ich sagen, oder Optimismus, ja.

ZEIT: Sie haben sich mit Helmut Kohl angelegt, in dessen Büro Sie jetzt sitzen. Er war politisch ein Schwergewicht, aber auch körperlich ein Koloss. Um ihm zu begegnen, brauchte es schon eine gewisse Furchtlosigkeit.

Merkel: Ich habe das auch in anderen Zusammenhängen mit Männern in der Politik erlebt – die tiefere Stimme, der weit größere Körper, beides wird auch eingesetzt. Der frühere Bundesminister Rexrodt konnte, selbst wenn ich mir den Platz in der ersten Reihe erkämpft hatte, ins Mikrofon einfach über meinen Kopf sprechen. Helmut Kohl konnte auch extra laut sprechen, wenn er sich ärgerte.

ZEIT: Sie meinen, dass er dann geschrien hat?

Merkel: Dann war er wuchtig, und man musste überlegen, ob man dem widerstehen will und widerstehen kann. Dass ich manchmal Sachen gesagt habe, die ungewöhnlich für die politischen Gepflogenheiten waren, hängt mit meiner Herkunft zusammen. Ich war nicht von Kindheit an von Schüler-Union, Junger Union, RCDS geprägt, sondern kam mit meiner eigenen Sprache und meinen eigenen Vorstellungen. Das fiel manchmal auf und erschien einigen furchtlos – war es aber nicht.

Seite 2/5:  “Ich war der festen Überzeugung, dass ich dieses Risiko eingehen musste”

ZEIT: Sie haben verschiedene Male gesagt, es habe Sie fürs Leben nachdenklich gemacht, dass die DDR weniger kollabiert war aus einem Mangel an demokratischen Freiheiten, sondern daran, dass sie wirtschaftlich nicht funktionierte. Unser früherer Herausgeber Helmut Schmidt hat als einer, der eine Diktatur miterlebt hatte und dabei auch nicht ganz schuldlos geblieben war, gesagt, ihm sei daraus ein gewisses Misstrauen gegenüber dem eigenen Volk geblieben. Gibt es bei Ihnen auch so etwas?

Merkel: Ich würde es nicht Misstrauen gegenüber dem eigenen Volk nennen, sondern ein generelles Misstrauen uns Menschen gegenüber, weil Menschen zu Unfassbarem fähig sind. Deutschland hat das im Nationalsozialismus in furchtbarer Weise auf die Spitze getrieben. Deshalb bin ich so überzeugt, dass der Aufbau unseres Staates und das Grundgesetz ein hohes Maß an Weisheit beinhalten, in dem die Unabhängigkeit der Presse, der Justiz, die demokratischen Prozesse wohldurchdacht sind. Wie schnell ist man dabei, das infrage zu stellen, etwa Gerichtsurteile für nicht einleuchtend zu erklären. Ich selbst bin zum Beispiel vom Bundesverfassungsgericht dafür gerügt worden, 2019 gesagt zu haben, dass das Ergebnis der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen im Februar mit Stimmen der AfD rückgängig gemacht werden muss. Ich hätte zu dieser Entscheidung einiges sagen können, habe das aber nicht gemacht, sondern hatte und habe sie zu respektieren. An der Stelle dürfen wir nie weich werden.

ZEIT: Haben Sie die Befürchtung, dass das System auch schnell wieder in sich zusammenbrechen könnte?

Merkel: Es muss gelebt werden von jedem Einzelnen, sonst kann es schnell in sich zusammenbrechen. Deshalb finde ich Sprüche wie die von der “Prenzlauer-Berg-Blase” auch nicht gut. Natürlich ist das nicht ganz Deutschland, aber wir dürfen nie einen Teil der Individuen in einem Land zu Außenseitern erklären und den Rest sozusagen zu Vertretern der echten Demokratie. Das endet mit nichts Gutem.

ZEIT: Ihre Kanzlerschaft war stark geprägt von einem Thema, das relativ spät aufkam: der Flüchtlingspolitik im September 2015. In dem Zusammenhang haben Sie auf kritische Nachfragen zu den Folgen Ihrer liberalen Politik gesagt: “Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.” Diesen Satz haben viele als sehr autoritär und auch als ausgrenzend empfunden. Es wirkte auf einige so, als hätten Sie den Anspruch, zu bestimmen, wie das Land sein soll.

Merkel: Bei diesem Satz hatte ich ganz besonders die Menschen auf dem Münchner Hauptbahnhof im Kopf, die die ankommenden Flüchtlinge in Empfang nahmen. Ich habe meine Entscheidung, sie einreisen zu lassen, als in Einklang mit unseren Grundrechten und Grundwerten gesehen. Und diese Grundwerte wollte ich mit dem Satz hochhalten.

ZEIT: Der Satz hatte aber durchaus etwas von einer Ansage an das Volk, oder?

Merkel: Ich habe über diesen Satz nicht tagelang vorher nachgedacht. Es war eine sehr emotionale Antwort, aber trotzdem keine zufällige. Dahinter stand mein Verständnis, dass die Würde des Menschen nicht nur etwas aus einer Sonntagsrede sein darf, sondern eine praktische Implikation hat. Das als autoritär zu brandmarken und zu sagen: Na ja, so ist eben der Ostdeutsche, der steht neben dem Land – das fand ich schon kühn.

ZEIT: Hat Sie nie der Gedanke belastet, dass Sie mit Ihrer Politik gleichwohl erheblich zur Spaltung des Landes beigetragen haben?

Merkel: Natürlich hat mich das beschäftigt. Und natürlich ist es politisch immer wundervoll, wenn 90 Prozent einer Meinung sind und am besten auch noch meiner Meinung. Aber es gibt Situationen, in denen man Kontroversen nicht aus dem Weg gehen kann. Den Menschen, die sozusagen vor unserer Haustür standen, habe ich geholfen und zugleich unter anderem mit dem EU-Türkei-Abkommen einen Beitrag dazu geleistet, die Ursachen der Flucht an der Wurzel zu packen.

ZEIT: Haben Sie, als eine Politikerin, von der es heißt, sie denke gerne vom Ende her, den Preis dieser Kontroverse geahnt, also in Kauf genommen?

Merkel: Ich habe geglaubt, dass man diese Auseinandersetzung gewinnen kann. Und ich war der festen Überzeugung, dass ich dieses Risiko eingehen musste, weil es umgekehrt auch zu einer Spaltung der Gesellschaft geführt hätte, es nicht zu tun.

Seite 3/5: “Vielleicht sind Krisen der Normalfall menschlichen Lebens”

ZEIT: Würden Sie heute an irgendeiner Stelle anders handeln?

Merkel: Nein!

ZEIT: An keiner Stelle?

Merkel: Natürlich lerne ich. Deshalb würde ich im Rückblick deutlich früher daran arbeiten, dass eine Situation wie im Sommer 2015 gar nicht erst entstehen muss, zum Beispiel mit einer Erhöhung der Beträge zum World-Food-Programm für Flüchtlingslager in besonders von Migration betroffenen Nachbarländern, wie wir sie dann auch gemacht haben.

ZEIT: In Ihrer Kanzlerschaft hat die Zahl der Krisen und ihre Gleichzeitigkeit von Jahr zu Jahr zugenommen …

Merkel: Die ersten beiden Jahre waren in meiner Erinnerung eine sehr ruhige Zeit, dann ging es los mit der globalen Finanzkrise, der Euro-Krise, immer wieder haben sich auch die Nachrichten zum Klimaschutz verschlechtert. Nach dem ersten Bericht des Club of Rome schien es noch so zu sein, dass es in der Realität ein bisschen besser lief als vorhergesagt. Mit jedem Bericht des internationalen Klimarates IPCC aber wurde es alarmierender, sodass sich die Frage stellt, ob wir überhaupt noch die Zeit haben, angemessen zu reagieren. Vielleicht sind Krisen aber auch der Normalfall menschlichen Lebens, und wir hatten bloß einige Jahre, die eine Besonderheit waren.

ZEIT: Stellen Sie sich die Frage, ob die Jahre relativer Ruhe auch Jahre der Versäumnisse waren und Sie nicht nur Krisenmanagerin, sondern zum Teil Verursacherin von Krisen?

Merkel: Ich wäre kein politischer Mensch, wenn ich mich nicht damit beschäftigen würde. Nehmen wir den Klimaschutz, bei dem Deutschland im internationalen Vergleich sehr viel getan hat. Bezogen auf das Thema selbst räume ich aber ein: Gemessen an dem, was der Internationale Klimabericht des IPCC heute sagt, ist nicht genügend passiert. Oder schauen wir auf meine Politik in Bezug auf Russland und die Ukraine. Ich komme zu dem Ergebnis, dass ich meine damaligen Entscheidungen in einer auch heute für mich nachvollziehbaren Weise getroffen habe. Es war der Versuch, genau einen solchen Krieg zu verhindern. Dass das nicht gelungen ist, heißt noch nicht, dass die Versuche deshalb falsch waren.

ZEIT: Man kann aber doch plausibel finden, wie man in früheren Umständen gehandelt hat, und es angesichts der Ergebnisse trotzdem heute für falsch halten.

Merkel: Das setzt aber voraus, auch zu sagen, was genau die Alternativen damals waren. Die 2008 diskutierte Einleitung eines Nato-Beitritts der Ukraine und Georgiens hielt ich für falsch. Weder brachten die Länder die nötigen Voraussetzungen dafür mit, noch war zu Ende gedacht, welche Folgen ein solcher Beschluss gehabt hätte, sowohl mit Blick auf Russlands Handeln gegen Georgien und die Ukraine als auch auf die Nato und ihre Beistandsregeln. Und das Minsker Abkommen 2014 war der Versuch, der Ukraine Zeit zu geben.

Anm. d. Red.: Unter dem Minsker Abkommen versteht man eine Reihe von Vereinbarungen für die selbst ernannten Republiken Donezk und Luhansk, die sich unter russischem Einfluss von der Ukraine losgesagt hatten. Ziel war, über einen Waffenstillstand Zeit zu gewinnen, um später zu einem Frieden zwischen Russland und der Ukraine zu kommen.

Sie hat diese Zeit hat auch genutzt, um stärker zu werden, wie man heute sieht. Die Ukraine von 2014/15 ist nicht die Ukraine von heute. Wie man am Kampf um Debalzewe (Eisenbahnerstadt im Donbass, Oblast Donezk, d. Red.) Anfang 2015 gesehen hat, hätte Putin sie damals leicht überrennen können. Und ich bezweifle sehr, dass die Nato-Staaten damals so viel hätten tun können wie heute, um der Ukraine zu helfen.

ZEIT: Beim ersten öffentlichen Auftritt nach dem Ende Ihrer Kanzlerschaft haben Sie erklärt, Sie hätten schon 2007 erkannt, wie Putin über Europa denkt, und dass die einzige Sprache, die er versteht, Härte sei. Wenn diese Erkenntnis so früh da war, warum haben Sie eine Energiepolitik betrieben, die uns von Russland so abhängig gemacht hat?

Merkel: Es war uns allen klar, dass das ein eingefrorener Konflikt war, dass das Problem nicht gelöst war, aber genau das hat der Ukraine wertvolle Zeit gegeben. Natürlich kann man jetzt die Frage stellen: Warum hat man in einer solchen Situation noch dem Bau von Nord Stream 2 zugestimmt?

Seite 4/5: “Wir hätten schneller auf die Aggressivität Russlands reagieren müssen”

ZEIT: Ja, warum? Zumal es schon damals sehr heftige Kritik am Bau der Pipeline gab, zum Beispiel von Polen und den USA.

Merkel: Ja, man konnte da zu einer unterschiedlichen Meinung kommen. Worum ging es? Zum einen legte die Ukraine sehr viel Wert darauf, auch weiter Transitland für russisches Gas zu bleiben. Sie wollte Gas durch ihr Gebiet und nicht durch die Ostsee leiten. Heute wird ja manchmal so getan, als ob jedes russische Gas-Molekül des Teufels war. So war das nicht, das Gas war umkämpft. Zum anderen war es auch nicht so, dass die Bundesregierung die Genehmigung von Nord Stream 2 beantragt hatte, das haben die Firmen getan. Für die Bundesregierung und für mich ging es also im Ergebnis darum, zu entscheiden, ob wir als politischen Akt ein neues Gesetz machen, um die Genehmigung von Nord Stream 2 ausdrücklich zu versagen.

ZEIT: Was hat Sie daran gehindert?

Merkel: Zum einen hätte eine solche Versagung in Kombination mit dem Minsker Abkommen aus meiner Sicht das Klima mit Russland gefährlich verschlechtert. Zum anderen ist die energiepolitische Abhängigkeit entstanden, weil es weniger Gas aus den Niederlanden, aus Großbritannien und begrenzte Fördermengen in Norwegen gab.

ZEIT: Und es gab den vorgezogenen Ausstieg aus der Kernenergie. Auch von Ihnen initiiert.

Merkel: Richtig, und dazu parteiübergreifend die Entscheidung, auch in Deutschland weniger Gas zu fördern. Man hätte sich entscheiden müssen, teureres LNG aus Katar oder Saudi-Arabien zu kaufen, die USA standen erst später als Exportnation zur Verfügung. Das hätte unsere Wettbewerbsfähigkeit deutlich verschlechtert. Heute wird unter dem Druck des Krieges so gehandelt, was ich unterstütze, aber damals wäre das eine viel massivere politische Entscheidung gewesen.

ZEIT: Hätten Sie diese Entscheidung dennoch treffen sollen?

Merkel: Nein, zumal es dafür überhaupt keine Akzeptanz gegeben hätte. Wenn Sie mich um Selbstkritik bitten, gebe ich Ihnen ein anderes Beispiel.

ZEIT: Die ganze Welt wartet auf ein Wort der Selbstkritik!

Merkel: Das mag sein, in vielen Punkten entspricht die Haltung der Kritiker aber nicht meiner Meinung. Sich dem einfach zu beugen, nur weil es erwartet wird, hielte ich für wohlfeil. Ich habe mir so viele Gedanken damals gemacht! Es wäre doch geradezu ein Armutszeugnis, wenn ich jetzt, nur um meine Ruhe zu haben und ohne wirklich so zu denken, einfach sagen würde: Ach, stimmt, jetzt fällt’s mir auch auf, das war falsch. Aber ich sage Ihnen einen Punkt, der mich beschäftigt. Er hat damit zu tun, dass der Kalte Krieg nie wirklich zu Ende war, weil Russland im Grunde nicht befriedet war. Als Putin 2014 die Krim überfiel, wurde er zwar aus G8 ausgeschlossen. Auch hat die Nato Truppen im Baltikum stationiert, um zu zeigen, wir sind als Nato zur Verteidigung bereit. Außerdem haben wir im Bündnis beschlossen, zwei Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben. CDU und CSU waren die Einzigen, die das überhaupt noch in ihrem Regierungsprogramm hatten. Aber auch wir hätten schneller auf die Aggressivität Russlands reagieren müssen. Deutschland hat das Zwei-Prozent-Ziel trotz Erhöhung nicht erreicht. Und auch ich habe nicht jeden Tag eine flammende Rede dafür gehalten.

ZEIT: Warum nicht? Weil Sie insgeheim dachten, man braucht das nicht?

Merkel: Nein, sondern weil ich nach dem Prinzip Helmut Kohls gehandelt habe: Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Eine flammende Rede zu halten, um anschließend als Bettvorleger zu landen, hätte dem Etat nicht geholfen. Aber wenn ich in der Geschichte nach erfolgreichen Rezepten schaue, komme ich auf den Nato-Doppelbeschluss …

ZEIT: … über diesen Beschluss hat Helmut Schmidt letztlich seine Kanzlerschaft verloren …

Merkel: Richtig, was meine Hochachtung für ihn nur noch gesteigert hatte. Das Intelligente am Nato-Doppelbeschluss war eben die doppelte Herangehensweise mit Nachrüstung und Diplomatie. Übertragen auf das Zwei-Prozent-Ziel heißt das, dass wir für die Abschreckung durch höhere Verteidigungsausgaben nicht genug getan haben.

ZEIT: Sie haben Alexander Osang für ein Porträt im Spiegel den Satz gesagt: “Kritik auszuhalten ist Teil der Demokratie, aber mein Eindruck ist zugleich, dass ein amerikanischer Präsident mit mehr Respekt in der Öffentlichkeit behandelt wird als ein deutscher Kanzler.” Was genau meinten Sie damit?

Merkel: Ich meinte zum einen, dass heute sehr schnell über politische Entscheidungen der Vergangenheit gerichtet wird, ohne sich den Kontext in Erinnerung zu rufen und Alternativen kritisch zu prüfen. Das Zweite ist: Zum Teil wird einfach damit gehadert, dass ich nach 30 Jahren Politik und 16 Jahren Bundeskanzlerin freiwillig aus dem Amt gegangen bin, im zarten Alter von 67, und jetzt sage, ich möchte “Wohlfühl-Termine” machen. Das heißt für mich, dass ich mich nicht immer dafür rechtfertigen muss, wenn ich auch meine eigene Agenda bestimmen möchte. Ich möchte nicht immer getrieben sein durch das, was von außen auf mich zukommt.

ZEIT: Meinen Sie damit auch die Diskussion um die Ausstattung Ihres Büros? Es gab Unverständnis dafür, dass Sie neun Mitarbeiter beschäftigen.

Merkel: Das ist vielleicht ein Nebeneffekt. Welchen Leistungsnachweis muss ich denn erbringen, dass die Ausstattung gerechtfertigt ist?

Seite 5/5: “Kriege gehen am Verhandlungstisch zu Ende”

ZEIT: Sie haben zu Beginn Ihrer Amtszeit darauf hingewiesen, dass es in der Vergangenheit scheinbar unbesiegbare Hochkulturen gab, die untergegangen sind, weil sie sich nicht schnell genug verändern konnten. Könnte es sein, dass es die Menschheit trotz aller Erkenntnisse über den Grad der Erderwärmung einfach nicht fertigbringt, ihr eigenes Überleben zu organisieren, weil nicht alle an einem Strang ziehen wollen?

Merkel: Mein Motto in der Politik war immer: Wir schaffen das. Und deshalb habe ich mich mit solchen Untergangsszenarien als Politikerin nie auseinandergesetzt, sondern immer Lösungen gesucht. Als Bürgerin kann man sich die Frage schon stellen, aber da ich immer noch in einem Zwischenstadium bin, würde ich sagen: Wir müssen alles daransetzen, dass genau das nicht passiert.

ZEIT: 30 Prozent chinesischer CO₂-Ausstoß, knapp zwei Prozent deutscher, das sind die Zahlen.

Merkel: Das ist aber keine Legitimation, dass wir nichts tun müssen. Wir können Vorbild sein, auch wenn andere noch nicht mitziehen. China ist heute der größte Emittent, richtig. Es ist gleichzeitig Rivale, Wettbewerber und Partner. Das richtig auszutarieren wird die große diplomatische Frage der Zukunft sein. Aber durch den Krieg in der Ukraine hat sich die Chance zur Rettung des Klimas noch einmal dramatisch verschlechtert, weil sie in den Hintergrund zu geraten droht.

ZEIT: Haben Sie denn eine Idee, wie dieser Krieg enden kann? Und ist es völlig ausgeschlossen, dass Sie dabei eine Rolle spielen könnten?

Merkel: Die zweite Frage stellt sich nicht. Zur ersten: Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Er wird eines Tages mit Verhandlungen zu Ende gehen. Kriege gehen am Verhandlungstisch zu Ende.

ZEIT: Kann man, gerade weil dieser Krieg so vielfache dramatische Auswirkungen hat, die Frage, wann und unter welchen Umständen Verhandlungen aufgenommen werden, allein der Ukraine überlassen?

Merkel: Es gibt einen Unterschied zwischen einem Diktatfrieden, den ich wie viele andere nicht will, und freundschaftlich offenem Gespräch miteinander. Mehr will ich dazu nicht sagen.

ZEIT: Es ist so viel Unvorhergesehenes in und nach Ihrer Amtszeit passiert. Hätten Sie sich jemals vorstellen können, dass ausgerechnet aus dem Springer-Verlag – zu dessen Verlegerin Sie ein freundschaftliches Verhältnis haben – in den letzten Jahren Ihrer Kanzlerschaft und bis heute die härteste Kritik kam und kommt?

Merkel: Die Pressefreiheit ist ein ganz großes Gut. (schmunzelt)

ZEIT: Lassen Sie die Kritik an sich heran? Lesen Sie die Bild?

Merkel: Auch wenn ich sie nicht lese, gibt es garantiert jemanden, der mir die Kritik unter die Nase hält.

ZEIT: Zu Ihrem Abschied vor einem Jahr durften Sie wie alle ausscheidenden Kanzler drei Lieder aussuchen. Sie haben unter anderem Für mich soll’s rote Rosen regnen ausgewählt. Darin heißt es: “… mich fügen, begnügen. Ich kann mich nicht fügen, kann mich nicht begnügen, will immer noch siegen, will alles oder nichts” und dann “mich fern von Altem neu entfalten, von dem, was erwartet, das meiste erhalten.” In welcher Zeile steckt am meisten Angela Merkel drin?

Merkel: Ich habe das Lied als Ganzes ausgesucht. Ich wollte sagen, dass ich mich auf einen Lebensabschnitt freue. Ich habe Wunderschönes erlebt, es war auch anstrengend. Aber es war eine tolle Sache: Wer kann schon Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland werden? Ich habe das immer mit Freude gemacht, und jetzt ist trotzdem wieder eine gewisse Spannung da: Was kann jenseits dessen noch passieren?

Tina Hildebrandt und Giovanni di Lorenzo | Die Zeit | 7.12.2022

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